Hat der S gegen das Land Bayern einen Anspruch auf Schadensersatz für den abhanden gekommenen Grabstein?
Bearbeiterhinweis:
Es ist davon auszugehen, dass der S einen Anspruch auf Herausgabe des Grabsteins hatte. Der enteignende und der enteignungsgleiche Eingriff sind nicht zu prüfen.
Unverbindliche Lösungsskizze
Ausgangsfall: Erfolgsaussichten der Klage des S
A. Zulässigkeit
I. Verwaltungsrechtsweg, § 40 I 1 VwGO
Hier: PAG
II. Statthafte Klageart
-> Anfechtungsklage, § 42 I 1. Fall VwGO
1. VA, § 35 VwVfG
– Problem: Rechtsnatur der Sicherstellung
– aA: nur Realakt
– hM: auch konkludenter DuldungsVA; Arg.: Regelungswirkung steht im Vordergrund
2. Keine Erledigung
Hier: Vollzug, aber: Sicherstellung „causa“ für Behaltendürfen der Behörde
III. Besondere Sachurteilsvoraussetzungen
1. Klagebefugnis, § 42 II VwGO
Hier: Art. 14 I; 5 I 1 und III; 2 I GG
2. Vorverfahren
(-), aber: entbehrlich, Art. 15 AGVwGO
3. Klagefrist, § 74 I VwGO
Hier: „am Tag danach“
4. Klagegegner, § 78 I 1 Nr. 1 VwGO
Hier: Land Bayern als Rechtsträger der Polizei
IV. Allgemeine Sachurteilsvoraussetzungen
-> Beteiligten- und Prozessfähigkeit, §§ 61, 62 VwGO (+)
-> Postulationsfähigkeit, § 67 I VwGO (+)
B. Begründetheit, § 113 I 1 VwGO
I. Rechtswidrigkeit
1. Ermächtigungsgrundlage
-> Sicherstellung, Art. 25 PAG
-> Verfassungsmäßigkeit, insbesondere Zitiergebot, Art. 19 I 2 GG (+); Arg.: gilt nicht für Eigentumsgarantie; Arg.: nur Inhalt- und Schrankenbestimmung
2. Formelle Rechtmäßigkeit
Hier: Polizei, Art. 2 PAG
-> Schutz ausschließlich privater Recht, Art. 2 II PAG (-); Arg.: Evtl. (auch) Verstöße gegen StGB
3. Materielle Rechtmäßigkeit
a) Voraussetzungen
aa) Schutzgut
-> Öffentliche Sicherheit
(1) Individualgüter
-> Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer (-)
(2) Geschriebenes Recht
-> Beleidigung, § 185 StGB
-> Verfassungskonforme Auslegung im Lichte der Meinungsfreiheit, Art. 5 I 1 GG (wohl nicht Kunstfreiheit, Art. 5 III GG)
-> Aber: Ehrschutz, Art. 2 I, 1 I GG, dürfte überwiegen (andere Ansicht vertretbar)
bb) Gegenwärtige Gefahr (+)
cc) Ordnungspflichtigkeit
Hier: Verhaltens- und Zustandsstörer, Art. 7 und 8 PAG
b) Rechtsfolge: Ermessen
-> Verhältnismäßigkeit
aa) Zulässiger Zweck
Hier: Ehrschutz
bb) Geeignetheit (+)
cc) Erforderlichkeit
– Umsetzen auf dem Grundstück (-); Arg.: nicht möglich
– Entfernen der Inschrift (-); Arg.: keine Bereitschaft des S
dd) Verhältnismäßigkeit i.e.S.
– Art. 14 GG/Art. 5 I 1 GG vs. Art. 2 I, 1 I GG
Hier: Ehrschutz wohl überwiegend; Arg.: Prangerwirkung; drastsische Wortwahl; Platzierung auf Grabstein; nichtiger Anlass (andere Ansicht vertretbar)
II. Ergebnis: (-)
Abwandlung: Schadensersatzansprüche des S gegen den Freistaat Bayern
A. Amtshaftung, § 839 BGB, Art. 34 GG
I. Handeln in Ausübung eines öffentlichen Amtes (+)
II. Verletzung einer drittbezogenen Amtspflicht
(+); Arg. Verlust des Grabsteins rechtswidrig (ungeachtet der Rechtmäßigkeit der Sicherstellung an sich)
III. Verschulden, § 276 BGB (+)
IV. Rechtsfolge: Schadensersatz, §§ 254 ff. BGB
V. Kein Ausschluss (+)
VI. Ergebnis: (+)
I. ÖR Schuldverhältnis
Hier: Verwahrung
II. Pflichtverletzung
Hier: Verlust
III. Vertretenmüssen (+)
IV. Rechtsfolge: Schadensersatz (+)
V. Ergebnis: (+)
C. Sonstige: (-)
Rechtsweg: Ordentliches Gerichte, Art. 34 S. 3 GG, § 40 II VwGO, und zwar streitwertunabhängig das Landgericht, § 71 II Nr. 2 GVG.