Bearbeitervermerk:
Auf § 76 GO BT wird hingewiesen. Bei Frage 2 ist von der Verfassungswidrigkeit des Gesetzes auszugehen. Auf alle aufgeworfenen Rechtsfragen ist ggf. hilfsgutachterlich einzugehen.
Unverbindliche Lösungsskizze
Frage 1: Verfassungsmäßigkeit des DemStG
I. Formelle Verfassungsmäßigkeit
- Zuständigkeit
-> Bund, Art. 79 II GG2. Verfahren
a) Einleitungsverfahren
– Problem: Einzelner Abgeordneter
– Dagegen: Wortlaut („aus der Mitte“)
– Dagegen: Systematik -> Freies Mandat, Art. 38 I 2 GG
-> Verstoß gegen § 76 GOBT unbeachtlich; Arg.: nur autonome Satzung
b) Hauptverfahren
aa) Beschluss des Bundestages
-> 2/3 Mehrheit, Art. 79 II GG (+)
bb) Mitwirkung des Bundesrates
-> 2/3 Mehrheit, Art. 79 II GG (+)
-> Weisungswidriges Abstimmverhalten des Innenminister B aus dem Land L unbeachtlich; Arg.: Betrifft nur das Innenverhältnis
2. Form
-> Zitiergebot (+)
II. Materielle Verfassungsmäßigkeit
-> Prüfungsmaßstab: Art. 79 III GG
1. Verstoß gegen Art. 1 I GG (-)
2. Verstoß gegen Art. 20 GG
a) Rechtsstaatsprinzip
aa) Verstoß gegen Gewaltenteilung
(+); Arg.: Mitwirkung des Bundestages (Legislative) nicht ausreichend gewährleistet, wenn Bundesregierung (Exekutive) Gesetze allein beschließen kann.
bb) Verstoß gegen Bundesstaatsprinzip
(+); Arg.: Mitwirkung der Länder nicht ausreichend gewährleistet, wenn Bundesrat (Länderkammer) nicht an Gesetzgebungsprozess beteiligt.
b) Demokratieprinzip
-> Ausübung der Staatsgewalt durch das Volk (+); Arg.: Zustandekommen von Gesetzen ohne Beteiligung des unmittelbar vom Volk gewählten Bundestages.
III. Ergebnis: (-)
Frage 2: Prüfungskompetenz des Bundespräsidenten
– aA: auch materielles Prüfungsrecht; Arg.: Wortlaut des Art. 82 I 1 GG; Amtseid, Art. 56 GG
– aA: nur formelles Prüfungsrecht; Arg: Stellung des Bundespräsidenten im Grundgesetz; Systematik (Art. 82 I 1 GG befasst sich mit der formellen Verfassungsmäßigkeit); Entstehungsgeschichte; Amtseid nicht konstitutiv
– hM: „Evidenztheorie“ -> formelles Prüfungsrecht + materielles Prüfungsrecht, sofern materieller Verstoß evident; Arg.: Bindung des Bundespräsidenten an die Verfassung, Art. 20 III GG – hier: evidenter Verstoß gegen Rechtstaatsprinzip (+)
Frage 3: Vorgehen gegen das Verhalten des Bundespräsidenten
I. Zuständigkeit
Hier: Organstreitverfahren, Art. 93 I Nr. 1 GG, §§ 13 Nr. 5, 63 ff. BVerfGG
II. Zulässiger Antragsteller
-> Oberstes Bundesorgan oder andere Beteiligte, die durch das Grundgesetz oder die in einer Geschäftsordnung mit eigenen Rechten ausgestattet sind.
1. Bundeskanzler
(+); Arg.: oberstes Bundesorgan
2. Abgeordneter A
(-); Arg.: kann nur eigene Rechte (Art. 38 I 2 GG) gelten machen, nicht solche des Bundestages (keine Prozessstandschaft)
3. X-Fraktion
(+); Arg.: mit eigenen Rechten ausgestattet, §§ 10 ff. GOBT; Prozessstandschaft erforderlich aus Gründen des Minderheitenschutzes
III. Antragsgegenstand
-> Rechtserhebliches Verhalten
Hier: Weigerung des Bundespräsidenten
IV. Antragsbefugnis
-> Mögliche Verletzung von verfassungsrechtlichen Rechten (+)
V. Form, Frist (+)
Frage 4: Ausfertigung des Gesetzes durch den Bundesratspräsidenten
-> Art. 57 GG
I. Befugnis des Bundespräsidenten
Hier: Ausfertigung von Gesetzen
II. Verhinderung/Erledigung des Amtes (+)
III. Rechtsfolge: Wahrnehmung der Befugnisse durch den Bundesratspräsidenten
– Auch Ausführungen von Gesetzen (+); Arg.: Wortlaut und Sinn und Zweck des Art. 57 GG